Ein Wind kam auf. Manche Menschen spürten, dass er der Vorläufer eines Sturms war, der sich hinter dem Horizont der nahenden Zukunft verbarg. Doch bereits der Vorbote des Sturms brachte den Menschen den Wahnsinn mit, wo er doch nur eine Warnung bringen sollte. Denn seinem Gesang konnte man das Flüstern und Raunen entnehmen, das den Menschen die Botschaft brachte: Die Zukunft birgt Gefahren.

Als sich die Menschen, derart verängstigt, den Weisen zuwandten, konnten diese ihnen keine Versprechen geben, dass sie keine Gefahr zu befürchten hätten, wenn sie bloß dieses oder jenes tun oder lassen würden. Denn die Weisen waren, wie sie sonst auch immer sind; ihre leisen Stimmen der Vernunft sind voller Zweifel. An die Stelle der Weisen traten die neuen Propheten, die sich selbst für weise hielten oder von anderen für weise gehalten wurden. Sie konnten tun, was die Weisen nicht vermochten: Sie versprachen den Verängstigten einfache Lösungen darüber, wie man die Gefahr bannen konnte und prophezeiten den sicheren Untergang beim Zuwiderhandeln.

Durch Angst ihrer Urteilsfähigkeit beraubt klammerten sich immer mehr Menschen, wie ein Ertrinkender es mit einem Strohhalm tun würde, an die Erklärungen der neuen Propheten – die Hoffnung, dass ihre Heilsversprechen wahr sein könnten, da sie sonst dem Untergang geweiht wären, führte dazu, dass die Verängstigten zu Jüngern wurden, bei denen Glaube an die Stelle der Vernunft trat. Dogmatische Glaubenssätze ihrer Propheten verdrängten fortan den Zweifel der Weisen.

Mit der Angst des Untergangs in den Eingeweiden wurden diese Jünger zu religiösen Eiferern, die für die Verbreitung der Botschaft des drohenden Untergangs vor nichts Halt machten: Wo Untergangsappelle nicht reichten, da wurde zur offenen Lüge gegriffen. Der Zweck heiligte jedes Mittel.

Das hysterische Kreischen der Jünger, mit der sie die Lehren ihrer Propheten verkündeten, mischte sich in das Flüstern des Windes und die so entstandene Kakophonie verfehlte ihre Wirkung nicht. Nach und nach griff die Angst um sich und steigerte sich in Wahnsinn. Derart ihres Verstandes beraubt, reihten sich immer Menschen in die Scharen der fanatisierten Jünger. Im Jahre 2017 des Herrn konnte man bereits von einer Pandemie sprechen.

Noch aber tobte der Krieg der Worte zwischen den Jüngern und denen, die ihre Vernunft nicht der Angst preisgegeben hatten.

Doch der Sturm, der langsam aufzog, tat, was ein Sturm eben tut – er tobte, wütete und zerstörte. Als er sich anschickte, die Welt aus den Angeln zu heben, wandten sich die Propheten ihren Jüngern und erklärten: »Nicht wir haben uns geirrt. Die Welt ist noch voll mit denen, die nicht würdig sind gerettet zu werden, und ihretwegen sind wir zum Untergang verdammt«. Die Welt hielt für einen kurzen Moment den Atem an und es herrschte eine gespenstische Stille, während die Konsequenz dieser Behauptung allen langsam, aber sicher dämmerte. Als dann das Donnern der Waffen die Stille zerriss, wurde aus dem Krieg des Intellekts ein Krieg der irreversiblen Taten zur Ausrottung des Anderen.

Erläuterungen

Die Welt wird nicht untergehen: Der Sturm bringt der Menschheit das Fegefeuer. Oder – wenn die Fegefeuer-Metapher nicht gefällt: Unser Frieden ist alt und brüchig; er liegt im Sterbebett. Die Konflikte und Kriege, die sich anbahnen, sind die Wehen der blutigen Geburt des nächstens Friedens. Denn für den Frieden gilt ebenfalls; auch er wird stets unter großen Schmerzen geboren.

Wer in meinen Ausführungen Fatalismus ausmacht oder Schwarzmalerei, dem will ich nicht die Erklärung schuldig bleiben, dass ich nicht daran glaube, dass diese Entwicklungen unvermeidbar sind oder dass die Überwindung der gegenwärtigen Krise der Menschheit nicht ohne einen Weltenbrand möglich wäre.

Der Sturm, hier eine Allegorie für die Zuspitzung der Macht- und Herrschaftsverhältnisse in spätkapitalistischen Gesellschaften, ist vermeidbar. Tatsächlich braucht die Menschheit eine Alternative zu den gegenwärtigen Verhältnissen; also einen Sturm, der hinwegfegt, was der Entwicklung des Menschen im Wege steht. Es liegt aber an den Menschen selbst, ob der Sturm ein apokalyptisches Fegefeuer oder ein reinigendes Gewitter mitbringt. Es ist die Frage, welche Alternative für das Fegefeuer und welche für die Revolution steht: Ein „mehr Nationalismus“ gegen ein „mehr der politischen Globalisierung“. Oder die Förderung der Autonomie des Menschen gegen seine Formung zur einer fremdgesteuerten Drohne in einem Kollektiv. Zumindest die Asymmetrie in den Machtverhältnissen zwischen dem Kapital und den nationalen Regierungen kann entweder durch die Nationalisierung des Kapitals oder der Globalisierung der (Finanz-)Politik abgestellt werden. Doch der Versuch, dem internationalen Kapital die Zügel von nationalen Regierungen anlegen zu wollen, hätte das Potenzial dazu die Apokalypse zu beschwören, wenn sich das Kapital, der wahre Herrscher der Welt, zur Wehr setzt.

Auch die Propheten, hier eine Allegorie auf die neuen „Eliten“, die versuchen an der Herrschaft zu partizipieren, aber, in Ermangelung echter demokratischen Strukturen in den etablierten Parteien und anderen Institutionen des Systems, dazu nicht innerhalb der geltenden Regeln imstande sind, können daran gehindert werden, Angst und Chauvinismus als Instrument ihres Herrschaftsstrebens zu nutzen. Allerdings bedarf es zum gegenwärtigen Zeitpunkt, mit der religiös fanatisierten Anhängerschaft der politischen Kräfte, ähnlicher Entwicklungen, die in der Vergangenheit zum einen zur Aufklärung und zum anderen zur Reformation des Glaubens geführt haben. Die Befreiung der Vernunft aus dem Würgegriff der Angst, die Angst vor der Hölle, ist die gleiche Aufgabenstellung, wie die Befreiung der Vernunft des modernen Menschen von der lähmenden Angst vor dem Volkstod, Identitäts- und Kontrollverlust.

Auch dieser Beitrag ist, trotz des pessimistischen Grundtons, ein Werben um die Vernünftigen – die Einäugigen unter den Blinden. Denn, so Brecht, der Sieg der Vernunft kann nur ein Sieg der Vernünftigen sein. Wobei ich, in Anlehnung an Glucksmann, auch klarstellen will, dass, genauso wenig wie das Bekenntnis zu einem politischen Lager die Reinheit der Gefühle und die Unfehlbarkeit des Urteils garantiert, die Vernunft genauso wenig eine Frage der politischen Orientierung ist. Es gibt jenseits jeder Parteiräson eine universelle Vernunft.

Auf die Frage, was der Vernünftige tun kann, um der Vernunft zu ihrem Sieg zu verhelfen, will ich ein paar knappe Antworten geben. Zu der einen oder anderen Behauptung werde ich in Zukunft genauer Stellung beziehen.

Der Vernünftige passt seine Kommunikationsstrategie den Gegebenheiten an: Menschen, deren Einstellung zu politischen Fragestellungen, denen der religiösen Fanatiker in Sachen der Weltanschauung gleicht, kann man nicht mit der Vernunft begegnen. In jeder direkten Konfrontation fühlen sie sich in ihren Weltbildern bzw. in ihren Glaubensgrundsätzen angegriffen und schalten auf einen, möglicherweise triebdynamisch begründbaren, Verteidigungsmodus. Der Versuch ihnen zu vermitteln, dass alles, was sie nicht mehr selber verstehen und begründen können, die Meinung eines anderen ist, der sie damit zur Erfüllungsgehilfen von Absichten macht, die sich ebenfalls ihrem Verstehen entziehen, ist jedenfalls der Holzweg. Was besser funktioniert sind indirekte Begegnungen. Eine bildhafte Sprache eignet sich dafür bestens: Allegorien können Werturteile verschleiern und Metaphern können komplizierte Sachverhalte vereinfachend vermitteln. Die Entschlüsselung der Bilder, d.h. der Transfer von der Bild- auf die Sachebene, regt zu einer Form der Reflektion an.

Der Vernünftige vernetzt sich mit anderen Vernünftigen. Nicht aber um seine eigene heile Welt innerhalb einer Filterblase zu errichten oder in einem selbst errichteten Elfenbeinturm über die Welt zu sinnieren, sondern, Zarathustras Bild vom Sonnenuntergang gleich, hinab zu den Menschen zu gehen. Hinaus in das Unwetter, wo der Wahnsinn tobt. Sinnvollerweise nicht alleine und auch nicht um zu poltern, sondern um die Vernunft als Gegengift in so kleinen Dosen zu verabreichen, dass es keine Abwehr provoziert.

Die Vernünftigen helfen einander, weil niemand von uns alleine klüger sein kann, als wir es alle in der Summe sein könnten.

Wiederverwendung dieses Textes ist in (fast) jeder Form erlaubt und erwünscht. Wenn ihr glaubt darin etwas Originelles gefunden zu haben, könnt ihr den Text oder Teile davon vereinnahmen, d.h. ihr dürft so tun, als wäre er euer eigenes Werk. Ihr dürft und sollt es teilen, wenn ihr meint, er wäre der Vernunft bei ihrem Kampf hilfreich. Was ihr aber nicht dürft, ist: Sinnenstellte Zitate mit mir in Zusammenhang zu bringen.