Die meisten Leute versuchen politische Äußerungen in der Öffentlichkeit (dazu zähle ich auch soziale Medien) zu vermeiden. Mehr noch: Vielen gilt ein solcher Akt sogar als unsittlich.

Das sind interessanterweise Leute, die man nicht zwingend zum Bildungsprekariat hinzurechnen würde, wohl aber zum Spießertum. Leute, die sich in ihrem beschaulichen Leben eingerichtet haben; die am liebsten in Ruhe gelassen werden wollen mit den Problemen anderer Leute, die aus Gewohnheit die Partei wählen, die sie schon immer gewählt haben, weil sie keine Zeit und Lust haben sich mit dem Programm und der Partei zu beschäftigen – und das als Tugend der Treue sehen. Kurz: Die Mittelschicht unserer Gesellschaft.

Flüchtig betrachtet ist das kein Problem, aber wenn man etwas genauer hinschaut, erkennt man eine Form der Selbstzensur.

Auf der anderen Seite ist der „Pöbel“, der hemmungslos teilt, liked und pöbelt, als ob es keinen Morgen gäbe. In ihren Filterblasen, wo sie sich gegenseitig mit dem Echo ihrer eigenen Gedanken befruchten, reifen unhaltbare Ansichten zu teilbaren Gewissheiten.

Der gute Mensch könnte vielleicht erfreut darüber sein, dass sich jeder ohne Barrieren artikulieren kann, doch man lernt sehr schnell, dass längst nicht jede Artikulation eine Meinung ist, die man vom Schutz der Meinungsäußerung gedeckt sehen möchte; weil die Lüge der Antagonismus der Freiheit ist.

Wo niemand einschreitet, um eine Lanze für die Vernunft zu brechen, geschieht es, dass Halbwahrheiten ein schiefes Weltbild stützen und ins rechte Licht rücken. Ein Bild einer Welt, in der niemand leben will, der die Freiheit liebt, weil man in dieser Welt nicht sein darf, der man sein will, wenn es nicht dem Wohle der Familie Namens Volk, die auf den fiktiven Verwandtschaftsbeziehungen zu wildfremden Menschen gründet. Das Bild einer Welt, in der nur noch meine fiktiven Verwandten mir die Nächsten sein dürfen und in der der Rest, die keine Mitglieder dieser herrlichen Familie sind, die sich genug ist, sich zum Teufel scheren kann. Das Bild einer Welt, in der man nicht mehr einfach nur ein autonomes Subjekt, ein Individuum, Mensch sein darf, sondern eine Volksdrohne zu sein hat.

Während die Meister dieser Drohnen, durch den instrumentalisiertem Gebrauch von Angst und Neid, ihre Arme an Drohnen aufstocken, verweigern sich die, die sich ihnen in den Weg stellen könnten weiterhin jeder öffentlichen Parteinahme. Doch: Der Sieg der Vernunft, so Brecht, kann aber der Vernunft der Vernünftigen sein.

Die Hoffnung, dass diese beschauliche Welt in der sie sich eingerichtet haben verschont bliebe, wenn sie nur nicht auffielen, ist die Strategie von Sträußen, die den Kopf in den Sand stecken um den Feind zu narren. Dass Freiheit bzw. freie Menschen eine Gefahr für die Herren der Drohnen sind, und sie nichts willens sein werden diese Gefahr auf Dauer hinzunehmen, ist dabei eine naheliegende Vermutung.

Mein Respekt gilt den wenigen Leuten, die versuchen unsere Freiheit vor diesen geistigen Marodeuren, den Drohnen und ihren Herren, zu retten.