Man kann die Bedeutung der Sprache und auch die der weitläufigsten Form ihres Gebrauchs, das Gespräch, kaum hoch genug einschätzen. Es gibt zwar keinen Mangel an Abhandlungen, die einem einen sehr guten Eindruck vom Wert, Bedeutung und Entwicklung der Sprache vermitteln könnten, aber auch ich will ihr meine Ehrerbietung nicht schuldig bleiben.

Ich will meine Ausführungen dort beginnen als es noch keine Sprache gab. Das war die Zeit, als die von der Evolution hervorgebrachten Lebensformen noch ohne die Möglichkeit auskommen mussten, Informationen miteinander austauschen zu können. Die Evolution, die Suche der Natur nach der besten Anpassung der Lebensformen an die sich ändernden Lebensbedingungen, ist eine ausgeklügelte Strategie des Probierens, bei der die besten Anpassungen der letzten Runden leicht modifiziert in einer nächsten Runde gegen die Umweltbedingungen sich bewähren müssen. Die besseren Modifikationen, das sind die, die sich als eine bessere Anpassung, messbar in den Überlebensraten, erweisen, sind dann die Kandidaten für die nächste Runde des Probierens. Die Blaupause der Lebensformen wird dabei – einer Notiz gleich – in dem genetischen Code festgehalten. Dieser Code ist aber nicht nur die Dokumentation einer bis dahin gefundenen Lösung sondern auch die Determinante der Lebensform: Nur im Rahmen der durch diesen Code gegebenen Variationsmöglichkeiten kann sich eine Lebensform an seine ständig im Wandel befindliche Umwelt anpassen und darin überleben.

Zur Erläuterung nehmen wir uns ein Huftier als Beispiel vor, das seine Ernährung auf eine bestimmte Sorte von Blättern spezialisiert hat, die an bestimmten Sträuchern und Bäumen wachsen. Würden die Sträucher nicht mehr grünen oder die Population dieser Huftiere das Nahrungsangebot übersteigen, d.h. wenn nicht mehr genug Nahrung da wäre, dann hätten diese Tiere nicht ohne weiteres die Möglichkeit auf alternative Nahrung z.B. auf die Blätter auf den Bäumen auszuweichen, da in ihrer genetisch bestimmten Ausstattung an Fähigkeiten die Fähigkeit für das Klettern auf Bäume nicht vorhanden ist.

Ebenso wenig könnte ein Tier, das auf Sicht angewiesen ist um zu überleben, kaum überleben, wenn es an extremer Kurzsichtigkeit leiden würde. Oder mit einer Erkrankung seines Stoffwechsels, z.B. Diabetes, geboren wäre. Wer jetzt vielleicht stutzt, hat auch einen guten Grund dazu: Denn für ein Lebewesen gelten diese und viele andere Einschränkungen, die die Überlebensfähigkeit beeinträchtigen und somit, unter normalen Umständen, die Güte der evolutionären Anpassung bestimmen würden, nicht mehr: Während andere Lebewesen mit einer solchen Einschränkung kaum Gelegenheiten bekommen würden sich fortzupflanzen um ihre Gene mit dem Defekt weitervererben zu können, brauchen Exemplare der besagten Spezies, dem Menschen, deswegen kaum Nachteile bei ihren Reproduktionsmöglichkeiten zu befürchten: Menschen, die an einer genetisch bedingten Form der Sehschwäche leiden, können ohne größere Probleme Familien gründen und Nachwuchs zeugen und somit ihren Defekt weitervererben. Wie aber ist es dem Menschen gelungen die genetisch gesetzten Grenzen des Spielfelds der Evolution so sehr auszudehnen.

Zunächst lautet die Antwort: Durch Verständigung. Es hat sich im Laufe der Evolution bei sehr vielen Lebensformen gezeigt, dass Verständigung eine nützliche Eigenschaft der Überlebensfähigkeit ist. Artgenossen eine Warnung zukommen lassen, oder sich ohne einen Kampf, bei dem alle riskieren würden tödlich verletzt zu werden, um die Vorherrschaft im Rudel einigen können, steigern die Chancen zum Überleben, setzen aber eine grundlegende Form der Verständigung voraus. Diese Erkenntnis spiegelt sich bereits im genetischen Code vieler Lebewesen wieder, denn diese besitzen bereits mit der Geburt über Möglichkeiten einer rudimentären Form der Verständigung, oder, anders ausgedrückt, über einen begrenzten Vorrat an Zeichen, mit deren Hilfe sie sich der Umwelt mitteilen können. Im Allgemeinen steht ein Zeichen für ein Bild, ein Laut, eine Geste oder z.B. auch für Gebärden, das eine feste Zuordnung zu einem Gegenstand der Erfahrung hat. Beispiele für diese Zeichen sind z.B. Drohgebärden, Unterwerfungsgesten oder Warnrufe. Mit Hilfe dieser Zeichen können sie anderen eine Warnung zukommen lassen oder mitteilen, dass sie keinen (weiteren) Kampf suchen. Auch der Mensch verfügt über dieses Erbe, das auch in der Moderne in der nonverbalen Kommunikation sehr häufig zum Ausdruck kommt.

Dem begrenzten Zeichenvorrat der genetischen Ausstattung ist geschuldet, dass die Ausdrucksmöglichkeiten ebenfalls begrenzt bleiben: Ein Tier kann Laute von sich geben um anzudeuten, dass es Schmerzen leidet, aber es vermag nicht auszudrücken, dass es z.B. Bauchschmerzen hätte. Oder es könnte mit dem Schwanz auf den Boden peitschen um seine Anspannung anzudeuten, aber nicht den Grund mitteilen. Dass der Mensch dazu imstande ist komplexere Zusammenhänge auszudrücken, liegt in der Tatsache begründet, dass es ihm gelungen ist diese genetische Begrenztheit des Zeichenvorrats durch das Hinzufügen eigener Zeichen zu überwinden. Und als es dem Menschen gelang diese selbst kreierten Zeichen von einer Generation zur Nächsten weiterzugeben, war der Grundstein gelegt, um die biologische Spielart der Evolution in eine geistige zu transformieren. Die Bedeutung seiner, vom genetischen Code bestimmten, körperlichen Eigenschaften für die Anpassung an die Umwelt bzw. für die Überlebensfähigkeit nahm in dem Maße ab, in dem seine geistigen Fähigkeiten sich entwickelten. Infolgedessen nahm auch die Anpassung an die Umwelt eine andere Form an: Nicht der Mensch, getrieben durch den Prozess der genetischen “Mutation”, passte sich seiner Umwelt an, sondern der Mensch machte, befähigt durch den Zuwachs seiner geistigen Fähigkeiten, die in seiner Technologie ihren Ausdruck fand, sich die Umwelt passend; mit der Konsequenz, dass seine Fähigkeiten in dieser technisierten Welt zu überleben, seine geistigen Fähigkeiten faktisch zu einer notwendigen Bedingung seiner Existenz machten. Wenn man sich an dieser Stelle ein wenig Pathos erlauben wollte, könnte man behaupten: Der Mensch war jetzt mehr als die Summe seiner Teile. Oder, mit weniger Pathos: Ohne seine geistigen Fähigkeiten ist der Mensch nur ein Tier der Gattung Homo sapiens.

Der Mensch baute seine semiotische Kompetenz aus; er wollte die Gegenstände seiner Erfahrung, die ihm die Welt bot, nicht nur beim Namen nennen, er wollte sie auch zu Urteilen verbinden: War der Mammut ein ausgewachsenes Exemplar, das Wasser trinkbar, die Beeren essbar. Also mussten feste Regeln her um aus einzelnen Worten des Zeichenvorrats Sätze bilden zu können, in denen die Urteile ihren Ausdruck finden konnten. Nach dem Einzug der Grammatik in die Welt, entstand ein Konstrukt, das wir heute Sprache nennen: Die Grundlage der Verständigung des modernen Menschen.